Was ist das, der Überwald?

 

 
Erst in jüngster Zeit wurde versucht, den Begriff „Überwald“ geographisch zu fassen bzw. auszuschärfen und eine genaue Definition dafür zu finden. Die Vorstellungen in der Vergangenheit waren recht widersprüchlich und vage. Oft wurde scheinbar vorausgesetzt, dass der Begriff bekannt ist und der Bewohner dieser Teillandschaft des Odenwaldes weiß, was er darunter zu verstehen hat. Hierbei wird aber offensichtlich selbst der Einheimische im Sinne einer exakten wissenschaftlichen Definition überfordert. 
Klicken Sie auf dieses Bild um es zu vergrößern
Die Sprachverwirrung bezüglich des Begriffes „Überwald“ verwundert nicht, den verschiedene Autoren, darunter gute Kenner ihrer Heimat, vertreten unterschiedliche, mitunter sehr unkonkrete Äußerungen. So heißt es beispielsweise lapidar: Der Überwald ist das Gebiet, in dem wir leben, also unsere Landschaft. Auch „Der Überwald ist das Gebiet um Wald-Michelbach“ oder „Der Überwald ist eine Landschaft im südlichen Odenwald“. Im einstigen Renommierband des Kreises Bergstraße mit dem Titel „Kreis Bergstraße“, herausgegeben vom Landratsamt in Heppenheim, heißt es sehr abstrakt: Wald-Michelbach ist das Zentrum des Überwaldes, wie dieser Landschaftsteil des Odenwaldes genannt wird. Dabei wäre es mindestens in politischer Hinsicht so einfach gewesen: Der Überwald ist der südöstliche Teil des Kreises Bergstraße.
 
Heute zählt man zum Überwald das Gebiet der Großgemeinden Abtsteinach, Grasellenbach und Wald-Michelbach mit ihren Ortsteilen. Die Bezeichnung „Überwald“ wird als amtlicher Begriff gebraucht. Es gibt sonst keine behördliche Erwähnung dieses Namens, keine Urkunde, keine geographischen Karten, in denen der Begriff im Sinne einer geographisch-amtlichen Bezeichnung benutzt oder vermerkt ist. Historisch stellt der Überwald auch keine Einheit dar, denn bis zum Jahre 1803 teilten sich Kurmainz und Kurpfalz dieses Gebiet.
 
Geographisch ist der Überwald das Übergangsgebiet zwischen dem Vorderen oder Kristallinen Odenwald und dem Hinteren oder Buntsandstein Odenwald.
 
Wie kam dieses Gebiet aber zu seinem Namen? Bei JÄGER ist dazu folgendes zu lesen: Nachdem zuerst im 9. und 10. Jahrhundert das Weschnitztal besiedelt war, drangen die Lorscher Benediktiner-Mönche auch über die Höhen „über den Wald“ in das Ulfenbachtal vor, um zu roden und zu siedeln. Diese Deutung leuchtet auf den ersten Blick ein: Wenn man vom Weschnitztal aus in Richtung Südosten blickt, dann empfindet man die bewaldeten Höhen des Tromm-Massivs mit seiner allmählich südlich auslaufenden Verlängerung als trennende Barriere zwischen dem Weschnitz- und dem oberen Ulfenbachtal besonders deutlich. Nach dem Siedlungsgeographen NITZ ist diese Deutung nicht richtig, da die zweite Siedlungswelle durch das Tröseler Tal, das Steinachtal aufwärts, erfolgte.
 
Interessant ist, dass im Weschnitztal die Bewohner des Überwaldes als „Überwälder“ bezeichnet werden, während dieser Begriff in den anderen angrenzenden Regionen kaum bekannt ist. Dies lässt auch wieder die Deutung „über dem Wald“ oder „hinter dem Wald“ zu. Wollte man davon ausgehend die „Überwälder“ als „Hinterwäldler“ bezeichnen, würde man ihnen aber einen schlechten Gefallen tun. Gab es, und gibt es hier doch viele Menschen und Persönlichkeiten, die weltoffen waren und sind, und an der Entwicklung dieser Region gearbeitet haben und arbeiten.
2006